her hin.
Eine ihrer stärksten Aufnahmen aus der Serie „Rostock Ritz“ von 2004 zeigt zwei Jäger im Buschland von Namibia, und ein junges Mädchen, das sie beim Anlegen des Gewehres betrachtet. Wir sehen vom Mädchen nur ihren Rücken, die Spannungsruhe ist kaum auszuhalten. Vom kunsthistorisch uralten Trick einmal abgesehen, daß sich hier ein Künstler in sein Werk geschlichen hat: Diese Augenzeugin ist auch noch in Gefahr. Immerhin beobachtet sie einen Gewaltakt. Wie Jimmy Stewart mit seinem riesigen Teleobjektiv in Hitchcocks „Fenster zum Hof“, der in New York spielt. Natürlich in New York, wo sonst? (Und natürlich hat sich Hitchcock mit Vorliebe in seine Werke geschlichen, das können notorische Beobachter wohl einfach nicht lassen). Beim berühmten Showdown in totaler Dunkelheit jedenfalls verblitzt Jimmy Stewart seinen mörderischen Nachbarn, um die eigene Haut zu retten. Was ihn in diese prekäre Lage brachte, seine Kamera nämlich, nutzt er plötzlich zur Gegenwehr. Verkehrt die Seiten. Kommt aus der Deckung. Bietet die Stirn.
Und jetzt, bei Eva Leitolfs neuer Arbeit „Die Zuschauer“, sehen wir ebenfalls die Augenzeugin von vorn, oder besser: Wir sehen ihresgleichen, die Betrachter nämlich, Zaungäste, Motten und Falter im Flutlicht. Wir sehen den Teleskopkäufern und Randständigen zu, die Trost von Fremden suchen. Manche Menschen sind nur im visuell gefilterten Begehren zuhaus. Einsame Menschen. Glückliche, getröstete Menschen. Hunderten und Tausenden geht es nicht anders.
© Tobias Rüther
aus: Eva Leitolf, Die Zuschauer, Schaden.com 2006