Eva Leitolf
Tobias Rüther

zu
Die Zuschauer


Einhundert Teleskope, so war neulich in der Zeitung zu lesen, werden Woche für Woche in New York verkauft. Und nicht nur Teleskope, auch Fernrohre, Teleobjektive und Operngläser. In manchen New Yorker Hotels gehören solche Operngläser sogar schon zum Standard: um den Mond über Manhattan anzustarren (oder die Venus der Nachbarin). Sex, Einsamkeit, Liebe und Trennung, ein ganz gewöhnliches Abendessen im Kreis der Familie: Es ist Trost von Fremden, erspäht vom Balkon gegenüber. Mehr als 200 Wohnungen hätten New Yorker auf einmal im Blick, behauptete der kleine Zeitungsartikel dann noch. Und mehr als die Hälfte dieser New Yorker lebe allein.

„As happier men watch birds, I watch men“, schrieb der englische Schriftsteller Evelyn Waugh einmal. “They are less attractive, but more various.” Auch er suchte Trost von Fremden, mehr noch, einen Trost in der Fremde: Waugh war nämlich Reiseschriftsteller, ein Alleinreisender natürlich, und zugleich ein unerbittlicher Romancier menschlicher Schwäche, ein tieftrauriger Voyeur. Er sah so genau hin, daß es weh tat. Und zwar allen Beteiligten.

Der Sehnerv heißt vielleicht auch so, weil er nervt. Voyeurismus ist eine zwanghafte Sehstörung. Aber manchmal, in der Nacht vor erleuchteten Fenster, fällt es so schwer, nicht hinzusehen. Wo es hell strahlt, da zieht es die Augen hin. Im Grunde benehmen sie sich nicht anders als Motten oder Falter. Ist das unhöflich? Es ist strafbar. Und gefährlich, das wissen vor allem Motten und Falter. Aber vielleicht ist es ja auch nur die Natur.

Die Fotografin Eva Leitolf ist keine unhöfliche Beobachterin. Im Gegenteil – wenn sie ein Bild macht, tut sie es diskret. Läßt den Augenblick allergrößter Intimität verstreichen und drückt dann erst auf den Auslöser. Es geht um Nachbilder. Das verlangt Konzentration und vor allem innere Sicherheit bei der Observation. Glücklichere Menschen beobachten Vögel, schrieb Evelyn Waugh also, er selbst aber, der unglücklichere, beobachtete Menschen, vom Rande her. Und auch Eva Leitolf, die allerdings die Unruhe nicht spüren läßt, die Waugh unter die Menschen und zugleich von ihnen fort trieb, auch die Fotografin Eva Leitolf sieht vom Rande her hin.


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