Ulrich Pohlmann
zu
Ganz still und stumm / Naturstücke
Im Mittelpunkt der künstlerischen Arbeiten von Eva Leitolf stehen die Befragung der Wirklichkeit und die intensive Beschäftigung mit der Präsenz von fiktionalen Schein-Welten, die sich als eine ideale zweite Natur materialisiert haben. Die künstlerische Auseinandersetzung mit dem Phänomen der Schein-Welten spielte bereits in Eva Leitolfs Serie für die Ausstellung „Wirklich“ im Fotomuseum im Münchner Stadtmuseum 1997 eine Rolle. Ich möchte mich im folgenden auf die Serie von Naturstücken und Ideallandschaften konzentrieren, die unter dem Titel „Ganz still und stumm“, der einem bekannten Kinderlied entnommen ist, in der Galerie Wäcker & Jordanow zu sehen sind. Eva Leitolf beschäftigt sich seit 1997 mit diesem Zyklus von Naturstücken. Sie zeigen ausschnitthafte Einblicke in den Wald, die man auf den ersten Blick als ein verblüffend authentisches Abbild realer Natur wahrnimmt. Es kommt uns so vor, als hätten wir einen solchen Ort schon einmal gesehen, die Lichtung beschritten oder wären durch jene Winterlandschaft gestapft. Doch beschleichen den aufmerksamen Betrachter bald erste Zweifel. Das Gefühl der Befremdung verstärkt sich und bei genauerer Beobachtung offenbart sich die Naturdarstellung als nahezu perfektes Trompe l`oeil. Konzentrieren wir uns also auf jene Nahtstellen, in denen die Illusion brüchig wird. Die hypertrophe Präsenz von „falscher“ Natur wird beispielsweise sichtbar in den Blitz-Schatten im Hintergrund. Den in helles Blitzlicht getauchten Naturstücken haftet etwas Irreales an, eine genaue Tageszeit ist nicht erkennbar, das Ensemble aus Blumen und Fliegenpilzen erscheint zu arrangiert und künstlich. Diese Simulationen von Naturlandschaft, die in bühnenreifer Inszenierung Elemente aus Flora und Fauna vor dem Fond einer gemalten Leinwand zu einem illusionistischen Ensemble vereint, hat Eva Leitolf in den Naturkundemuseen gefunden.
Die künstlerische Beschäftigung mit dem Verhältnis von Natur- und Kulturlandschaft sowie die Darstellung einer medial vermittelten Natur stellt ein zentrales Thema der zeitgenössischen Fotografie dar. Neben Eva Leitolf haben sich mit der musealen Inszenierung von Naturgeschichte und der künstlichen Generierung von Natur Sonja Braas, Candida Höfer, Alexander Timtschenkos oder Michael Reisch intensiver auseinandergesetzt. Ihre Aufnahmen geben eine Form der Kunstnatur wieder, die in realiter nicht existiert, die es aber so geben könnte. Diese künstlichen Landschaften beruhen auf einer Bildrhetorik, die unsere Imagination von idealer Natur widerspiegeln.
Für Eva Leitolf ist der Wald, ähnlich wie für Juergen Teller, ein mit Kindheitserinnerungen gesättigter Schauplatz. Er verheißt Freiräume, ist aber zugleich besetzt mit Ängsten und Beklemmungen. Der Wald ist folglich ein vertrauter und unheimlicher Ort, um den sich merkwürdige Erzählungen und Sagen ranken.