den Bildern im Buch folgen, dass die Aufnahmen den re-enactments, dem Nachspielen und Nacherzählen der Kriege durch die Verlierer entstammen, die jetzt auch die Rollen ihrer Widersacher spielen - eine symbolische Aneignung der Geschichte und ein lebendiges Erinnern.
Das Tragen von Uniformen, so liest man in dem Essay "Parodie und Subversion" von der Ethnologin Larrisa Förster, war den Besiegten und Beherrschten ursprünglich verboten. Mit Fantasieuniformen, zusammengesetzt aus Elementen unterschiedlicher Herkunft, unterliefen sie die Eindeutigkeit des Dresscodes. Es liegt etwas Tröstliches in dieser Umdeutung der Zeichen.
Wie sehr auch gerade die Deutschstämmigen in Namibia Kleiderordnungen und theatrale Inszenierungen als Markierung ihrer Identität brauchen, belegen andere Motive in Leitolfs Buch: ein karnevalistisches Prinzenpaar, das im Hof vor dem Einfamilienhaus das Kostüm zurecht zupft; ein Mann im Nikolauskostüm, der mit seinem Freund in kurzen Hosen auf einem Parkplatz steht (Dezember ist Hochsommer). Das Irritierende beider Motive ist, dass sie ihre Protagonisten irgendwo im Nirgendwo zeigen, weit weg jedenfalls von dem gesellschaftlich-gemütlichen Anlass, den ihre Kostüme versprechen. Das gruseligste Bild von allen Riten deutscher Folklore zeigt einen Jungen, der in Pfadfinderuniform und mit einer Fackel in schwarzer Nacht allein vor einer Fahne Wache hält. Was wird da gespielt, für welches Leben an der Grenze welcher Wildnis trainiert?, fragt man sich da.
Das traurigste Bild aber stammt aus dem Nationalmuseum in Windhoek. Es zeigteineVitrine, die dem Schmuck und den Musikinstrumenten einer Bevölkerungsgruppe gilt, präsentiert an naturalistischen Büsten.
Der Staub von hundert Jahren scheint auf diesem Ensemble zu liegen. Es ist ebenso Dokument einer verdrängten Kultur wie ihrer trophäengleichen Musealisierung im Moment ihrer Verdrängung. Das ist kein Augenblick, an dem Vergangenheit beredt wird wie in den anderen Aufnahmen von Eva Leitolf - hier ist die Geschichte vielmehr ein einsamer und schweigsamer Ort.
© Katrin Bettina Müller
Taz, 6.6.2005