Denn Namibia ist ein Land der Jagd mit der Kamera. Man reist, um zu fotografieren. Fotosafari. Die weite Landschaft, die Dünen der Wüste, die Herden der Tiere. In jedem Buchladen Namibias liegen dazu prächtige Bildbände in englischer und deutscher Sprache aus. Der touristische Blick sucht die Wildnis und blendet die Widersprüche der Geschichte aus. Eva Leitolf dagegen sucht gerade diese zu fassen: Ihr Buch ist ein Kontrastprogramm zum touristischen Blick.
Der Mythos von der Weite und der Unberührtheit der Natur wird zum Beispiel auf den Jagdfarmen gepflegt. Eva Leitolf hat dort die weißen Jäger mit ihren schwarzen guides fotografiert, mit Fernglas und Gewehr auf der Pirsch. Eine Szene wie aus einer Hemmingway-Erzählung - oder vielmehr der Versuch, fern des Lärms von Europa die existenzielle Auseinandersetzung Mann gegen Natur nachzuleben. Doch die Suche nach dem authentischen Erleben bedarf viel Aufwand zu ihrer Inszenierung, und diese Anstrengung wird in den Bildern sichtbar.
1995 wurde Eva Leitolf mit ihrer Arbeit "Deutsche Bilder" bekannt, einer Spurensuche in deutschen Kleinstädten, die als rechtsradikale Tatorte aufgefallen waren. In Namibia reiste sie zu den Schauplätzen historischer Schlachten und des kolonialistischen Völkermords Anfang des 20. Jahrhunderts. Eines dieser Bilder zeigt junge Schwarze in soldatischen Uniformen, die am Rande eines Feldes in unendlich lässiger und entspannter Haltung sitzen - ein Bild, das man nicht entschlüsseln kann, widersprüchlich in Körperhaltung und Dresscode der Uniformen, historisch nicht einzuordnen. Auf einer anderen Aufnahme haben die jungen Männer sogar einen der ihren in der Haltung eines Sklaven dabei, mit Ketten gefesselt, und da kommt man erstmals auf die Spur, dass es sich um ein Schauspiel handeln könnte.
Tatsächlich erfährt man aus den Essays und den Tagebucheintragungen der Fotografin, die den Bildern im Buch folgen, dass die Aufnahmen den re-enactments, dem Nachspielen und Nacherzählen der Kriege durch die Verlierer entstammen, die jetzt auch die Rollen ihrer Widersacher spielen - eine symbolische Aneignung der Geschichte und ein lebendiges Erinnern.
Das Tragen von Uniformen, so liest man in dem Essay "Parodie und Subversion" von der Ethnologin Larrisa Förster, war den Besiegten und Beherrschten ursprünglich verboten. Mit Fantasieuniformen, zusammengesetzt aus Elementen unterschiedlicher Herkunft, unterliefen sie die Eindeutigkeit des Dresscodes. Es liegt etwas Tröstliches in dieser Umdeutung der Zeichen.
Wie sehr auch gerade die Deutschstämmigen in Namibia Kleiderordnungen und theatrale Inszenierungen als Markierung ihrer Identität brauchen, belegen andere Motive in Leitolfs Buch: ein karnevalistisches Prinzenpaar, das im Hof vor dem Einfamilienhaus das Kostüm zurecht zupft; ein Mann im Nikolauskostüm, der mit seinem Freund in kurzen Hosen auf einem Parkplatz steht (Dezember ist Hochsommer). Das Irritierende beider Motive ist, dass sie ihre Protagonisten irgendwo im Nirgendwo zeigen, weit weg jedenfalls von dem gesellschaftlich-gemütlichen Anlass, den ihre Kostüme versprechen. Das gruseligste Bild von allen Riten deutscher Folklore zeigt einen Jungen, der in Pfadfinderuniform und mit einer Fackel in schwarzer Nacht allein vor einer Fahne Wache hält. Was wird da gespielt, für welches Leben an der Grenze welcher Wildnis trainiert?, fragt man sich da.