Eva Leitolf
Katrin Bettina Müller

Theatralisierung von Geschichte
"Rostock Ritz": Eine Jagdfarm in Namibia gab dem Buch der Fotografin Eva Leitolf seinen Titel. In dem Land der großen Hitze sucht sie nach den Spuren der deutsch-kolonialen Vergangenheit - ihr Bildband erzählt von den Taktiken, mit denen die ehemals Unterdrückten sich ihrer Geschichte  versichern.


Die Giebelwand der Theaterschule in Windhoek, der Hauptstadt Namibias, ist mit einem großen Bild bemalt: Als Erstes springt das große weiße Karnickel ins Auge, das da auf einem Denkmalssockel hockt, während im surrealistischen Chaos drum herum Teile eines Pferdes und eines Reiters durch die Luft fliegen. Das Bild und seine Fantasie von der Sprengung gilt einem Reiterdenkmal, das bis heute auf einem Hügel im Zentrum von Windhoek stehen geblieben ist, obwohl es die militärische Macht und den Herrschaftsanspruch der so genannten deutschen Schutztruppe verklärt.
2004 hat Eva Leitolf das Reiterdenkmal in Windhoek fotografiert, kurz nachdem jemand "slave" und ein Hakenkreuz auf die Hinterbacke des Pferdes gesprüht hatte. Der Reiter mit dem typischen Hut des Südwesters ist überlebensgroß, viel größer als die beiden Touristen am Fuße des Sockels mit Fotoapparat und Videokamera in der Hand. Als "Wahrzeichen" der Stadt fehlt der Reiter in keinem Reiseführer. In Eva Leitolfs Buch "Rostock Ritz" gehört er zu den Zeugen des Fortlebens der kolonialen Vergangenheit Deutschlands im heutigen Alltag von Namibia.
Das Reiterdenkmal ist wahrscheinlich das einzige Motiv, in dem sich ihre Bilder und die der zahllosen Reiseführer überschneiden, aber schon im Licht unterscheiden sie sich erheblich. Leitolfs Fotografie hat nichts von dem schmeichelnden Goldton der Sonnenstrahlen am späten Nachmittag, der die harten Konturen des Sockels aus Felsen bricht. Den Farben ihrer Bilder dagegen ist fast immer etwas Ausgebleichtes und Ausgedörrtes eigen. Die Müdigkeit, die mit der großen Hitze kommt, und die Trockenheit des Wüstenlandes sind darin gegenwärtig. Aber nicht nur das. In den Farben beginnt der auch gespenstische Grundton, der Eva Leitolfs Buch durchzieht. Etwas wird bloßgelegt, entkleidet vom Gewebe der vielen Bilder, die sich darum gelegt haben.
Denn Namibia ist ein Land der Jagd mit der Kamera. Man reist, um zu fotografieren.  Fotosafari. Die weite Landschaft, die Dünen der Wüste, die Herden der Tiere. In jedem Buchladen Namibias liegen dazu prächtige Bildbände in englischer und deutscher Sprache aus. Der touristische Blick sucht die Wildnis und blendet die Widersprüche der Geschichte aus. Eva Leitolf dagegen sucht gerade diese zu fassen: Ihr Buch ist ein Kontrastprogramm zum touristischen Blick.
Der Mythos von der Weite und der Unberührtheit der Natur wird zum Beispiel auf den Jagdfarmen gepflegt. Eva Leitolf hat dort die weißen Jäger mit ihren schwarzen guides fotografiert, mit Fernglas und Gewehr auf der Pirsch. Eine Szene wie aus einer Hemmingway-Erzählung - oder vielmehr der Versuch, fern des Lärms von Europa die existenzielle Auseinandersetzung Mann

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