Theodor Leutwein auf deutscher und Oberhäuptling Samuel Maharero auf Seiten der Herero ihre Truppen ins Gefecht schickten. Jetzt spielen Kinder die Deutschen und Männer auf Pferden die Herero nach, es wird gelacht, und es endet mit einer Ansprache, deren feierlicher letzter Ausruf mehrmals mißglückt: "We did forget, but not forgive." - "We did not forget, but not forgive." - Und dann, wie geplant: "We forgive, but did not forget." Vermutlich stimmt alles drei.
Doch was Eva Leitolf auch an Episoden erzählt, es ist immer Klartext - wie die angehängten wissenschaftlichen Dokumente. Und der macht ihren Fotoessay konkreter, entschiedener, als es die Bilder selbst sind. Ihre Bilder nämlich operieren im vagen. Wenn sie die Passionsspiele zur Okandjira-Schlacht beobachtet, Männer in Uniformen, Pepsi-Shirts und Marlboro-Hüten über deutschen Gräbern fotografiert, ist das nur auf den ersten Blick grotesk: Hier kehren vielmehr die Toten wieder, die Doppelgänger der Untoten, die, glaubt man diesen Bildern, Namibia immer noch heimsuchen. Und an das, was hinter diesen Bildern aufscheint an unaussprechlicher, heikler Gegenwart: Schemen, Gespenster, Doppelgänger.
Wenn jemand nachts an dein Fenster klopft, dann kann nur ich es sein, aber dann mußt du schnell laufen. So redet ein Eingeborenenmädchen mit einer Kolonialherrin in Uwe Timms Roman "Morenga", den Eva Leitolf zitiert: Es ist April 1904. Im April 2004 rückt sich das Prinzenpaar von Spandau unter Palmen seine Roben zurecht. Lauern weiße Jäger Trophäen auf. Verdorrt der Kranz auf dem Grabmal des Oberhäuptlings Samuel Maharero, dem politischen Führer der Herero. Er ist auf deutsch beschriftet. Wie der Schriftzug über dem Tor zur Gästefarm: "Rostock Ritz". Der Himmel über der Wüste ist weißblau. Das Bild ist ausgestorben. Bis auf die Schatten.
© Tobias Rüther
Monopol Nr. 5/2005