Tobias Rüther
Gespenster. Eine heikle, unaussprechliche Gegenwart: Eva Leitolf, Rostock Ritz.
Ein klammes, unwohliges Gefühl beschleicht einen beim Betrachten der dreiundzwanzig Fotografien, die Eva Leitolf in Namibia aufgenommen hat. Einhundert Jahre nach dem Krieg zwischen den aufständigen Herero und den Kolonialherren von Deutsch-Südwest hat die Fotografin nach Spuren gesucht, ist ausgezogen, uns das Fürchten zu lehren, ohne zu schockieren.
Da sitzt eine "Burenbulldogge" an der Diamantbergstraße in Lüderitz auf einer Mauer. Da hängt eine Reichskriegsflagge neben einer leeren Sinalco-Flasche im Halbdunkel eines Swakopmunder Antiquitätengeschäfts. Da stehen zwei Männer in kurzen Hosen und Ohrenschützern auf einem Feld, und der eine der beiden zielt mit seinem Gewehr in den wolkenlos blauen Himmel über Namibia. "Schützenverein, Tsumeb" lautet die lapidare Erklärung, und man könnte das abtun als allzu einfache Assoziationskette: Weiße bewaffnete schmerbäuchige Männer in Afrika, das sind Kolonialherren auf Landpartie. Gäbe es da nicht das kleine blonde Mädchen, das vom Schatten am Rande aus in vollkommener Ruhe zusieht - das Bild wäre spannungsfrei.
So aber wird die Fotografie urplötzlich zum gewalttätigen Rätsel, obendrein ist es kein dokumentarisches Beweismittel mehr, weil Eva Leitolf es wie ein Maler komponiert hat. Und wie ein Maler verschleiert. Wer ist das Mädchen? Und wie steht es zu den Männern? Ist sie neugierig? Ist sie gelangweilt? Und was wäre schlimmer?
Die Tagebuchaufzeichnungen, die Fotografien wie diese begleiten, erzählen von Begegnungen mit Deutschen in Namibia, mit Deutsch-Namibiern, mit Namibiern weißer und schwarzer Hautfarbe. Fragt ein Farmbesitzer den Jäger aus "Großdeutschland", ein Tourist also: "Da vorne ist ein Gnu. Willste so was haben?" Und der Jäger antwortet: "Is des das mit de Hörner nach vonne? Des hab isch noch net inne Sammlung - ok." Aber sie verfehlen das Gnu und schießen dafür ein anderes Tier. Eva Leitolf erzählt dann auch noch vom Karneval in Windhoek, von altgermanischen Ritualen unter Pfadfindern, von vielen Menschen, die "Ich bin kein Rassist, aber ..." sagen, von Traditionsverbänden und Volkstanzgruppen. Sie erzählt von der Neuinszenierung am Gedenktag der Schlacht von Okandjira, wo am 9. April 1904 Oberst Theodor Leutwein auf deutscher und Oberhäuptling Samuel Maharero auf Seiten der Herero ihre Truppen ins Gefecht schickten. Jetzt spielen Kinder die Deutschen und Männer auf Pferden die Herero nach, es wird gelacht, und es endet mit einer Ansprache, deren feierlicher letzter Ausruf mehrmals mißglückt: "We did forget, but not forgive." - "We did not forget, but not forgive." - Und dann, wie geplant: "We forgive, but did not forget." Vermutlich stimmt alles drei.
Doch was Eva Leitolf auch an Episoden erzählt, es ist immer Klartext - wie die angehängten wissenschaftlichen Dokumente. Und der macht ihren Fotoessay konkreter, entschiedener, als es die Bilder selbst sind. Ihre Bilder nämlich operieren im vagen. Wenn sie die Passionsspiele zur Okandjira-Schlacht beobachtet, Männer in Uniformen,
© Tobias Rüther
Monopol Nr. 5/2005