Eva Leitolf
Ulf Erdmann Ziegler

über
Deutsche Bilder - Eine Spurensuche in Rostock, Thale, Solingen und Bielefeld


Die Fotografin Eva Leitolf gibt nicht vor, die Gründe für die Morde und Mordversuche - durch feige Brandanschläge auf Häuser und Unterkünfte - in den Jahren 1992 bis 1994 zu kennen. Aber sie weiß um die Komplexitat von Verbrechen, die die politische Ordnung berühren. Die Täter verbergen sich, die Sympathisanten zeigen ihre "klammheimliche Freude", die örtliche Polizei ist degradiert zur Statistenrolle, die Nachbarn sind verstört. Die Opfer sind verschwunden. Das Fernsehen belagert den Tatort, als sei er kultisch.
Die Fotografin dringt weit vor ins Milieu, das den Tatort umgibt. Es gelingt ihr sogar, bei Rechtsradikalen Zugang zu finden, wie sie in Rostock-Lichtenhagen unter dem Reichsadler Heilige Familie spielen oder als Glatzköpfe in Thale mit dem letzten Symbol der DDR, einem winzigen Auto namens Trabant, logistisch posieren; und in Solingen fotografiert sie das Interieur pedantisch organisierter Spießer.
Nicht minder erstaunlich sind Leitolfs Bilder im Milieu der Opfer: das stille Bild von Mutter und Kind in Thale (kaum denkbar ohne Vermeer) und die Begegnung  eines Mannes und einer Frau vor dem ausgebrannten Haus in Bielefeld, bei dem sich das Schwarz ihrer Kleidung mit dem Brandloch in dramatischer Form verbindet.
Zufall oder Spur - um den Ort des Verbrechens reorganisieren sich die Deutungen:  schwarze Herzchen auf der Tischdecke eines Jugendklubs, ein ausgebrannter Mülleimer. Das Plakat mit dem schwarz rot-goldenen Kissen - linke Ironie in Reinform - verdreht sich in der Diskothek von Thale zum völkisch-hedonistischen Kitsch.
Während die Idyllen zerbrochen sind, leben deren Bilder weiter: Vor einem waschfest verklinkerten Haus spielt allein in einem Sandkasten ein blondes Kind. Die Fotografin weist damit keine Schuld zu, aber sie stellt schon Vermutungen an, die eher gelähmte Seelen betreffen als böse Herzen. Eva Leitolfs deutsche Mileustudie - paritätisch Ost/West - ist nicht mit einem herkömmlichen bildjournalistischen Auge fotografiert. Die massive Achsialität der Hochformate ist der Architekturfotografie entlehnt. Leitolf beschreibt die Menschen nicht als freie Akteure, eher als Figuren ihres Milieus. Was zu retten wäre, ist die zweite Frage. Die erste Frage der Fotografie ist immer, wie - ganz genau - sieht es aus.

© Ulf Erdmann Ziegler
aus: Die Welt als Ganzes. Fotografie aus Deutschland nach 1989, Hatje Cantz 2000
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