gesteigert wird. Eva Leitolf hatte es in der Nachbarschaft aufgenommen. Stellt man beide Bilder nebeneinander, entsteht der Eindruck, als hätten die deutschen Nachbarn die dramatischen Ereignisse jener Nacht gar nicht bemerkt, als lägen beide Häuser Hunderte von Kilometern auseinander.
Bereits bei dieser ersten umfangreicheren Arbeit entwickelte und perfektionierte Eva Leitolf ihren fotografischen Stil. Ihre Bilder sind präzise und beschreiben detailliert die Ortserkundungen der Künstlerin. Obwohl ihre Arbeiten einen gesellschaftskritischen Ansatz haben, nehmen sie nie offenkundig Partei, klagen nicht demonstrativ an. Sie changieren zwischen künstlerischer Autonomie und soziologischem Anspruch. Jedes Bild versteht sich als Einzelbild, und doch entwickeln ihre Arbeiten vor allem in der seriellen Anordnung ihre suggestive Kraft. Eva Leitolf umkreist ihr Thema beharrlich, Bild für Bild, und in dieser Beharrlichkeit ist sie schonungslos. Doch ihre Fotografien werden dabei nie laut, nie plakativ. Eine eigentümliche Stille ist ihnen eigen, eine nagende Stille, die beim Betrachter Unbehagen auslöst und Fragen aufwirft.
Mitte der 90er Jahre siedelte Eva Leitolf in die Vereinigten Staaten Ueber und weitete ihr künstlerisches Interesse auch auf das Medium Video aus. Es entstand eine umfangreiche Arbeit zu den kalifornischen suburbs und zum Thema Natur. Sie wurde mit renommierten Preisen geehrt und war auf einer Vielzahl von Ausstellungen vertreten. Erst 2004 kehrte sie zum Thema der Spurensuche zurück, aber nun unter veränderten Vorzeichen. Konnte der Betrachter bei ihrer ersten Spurensuche Bilder aus Presse und Fernsehen vor dem inneren Auge zum Vergleich heranziehen und ergänzen, gelingt dies bei ihrer neuen, in Namibia entstandenen Serie „Rostock Ritz“ nicht mehr. Zu lange – so scheint es – liegen die Ereignisse zurück, auf die die Künstlerin Bezug nimmt, zu weit entfernt von der bundesdeutschen Lebenswirklichkeit. So ist der Betrachter darauf angewiesen, alle Informationen den Bildern selbst zu entnehmen. Eva Leitolf ist sich dieses Umstandes bewusst und reagiert darauf in Ueberraschender Weise: sie reduziert die narrativen Elemente und schafft im gleichen Zug atmosphärisch verdichtete Bilder, die erzählen, ohne zu berichten.
Das Titelbild des Buches „Rostock Ritz“ zeigt zwei weiße Männer auf der Jagd, ein dritter, schwarzer Mann begleitet sie. Die beiden Weißen sind mit allen notwendigen Insignien ausgezeichnet: im Safaristil gekleidet besitzen sie die Fernstecher, um das Wild zu beobachten, die Gewehre, um es zu erlegen. Zwischen ihnen ist der Schwarzafrikaner zu sehen, ohne Waffen und in das eigentliche Vorhaben nicht eingebunden. Sicherlich ist er ein so genannter boy, der beim Jagdausflug hilft, die Mahlzeiten herrichtet oder das erlegte Wild heranschafft. Eva Leitolf manifestiert in ihrer Bildkomposition die sozialen Hierarchien, sie zeigt uns den dritten Mann, der scheinbar teilnahmslos das Geschehen verfolgt, auch in seiner Gefangenheit. Betrachtet man weitere Bilder, auf denen Weiße, zumeist deutschstämmige Namibier, zu sehen sind, entsteht der Eindruck,