Eva Leitolf
Inka Graeve Ingelmann

über
Deutsche Bilder – eine Spurensuche in Rostock, Thale, Solingen und Bielefeld
Rostock Ritz


Das erste Bild der Künstlerin Eva Leitolf, das sich mir eingeprägt hat, ist die Fotografie eines Raums. Sie zeigt ein ungemütliches Wohnzimmer, möbliert mit Fundstücken vom Sperrmüll: abgestoßene Schränke aus Furnier, auf denen Kartons von Billigwaschmitteln lagern, ausrangierte Kühltruhen, die kaum noch zu funktionieren scheinen. Das Zentrum des Bildes bestimmt aber nicht das ärmliche Interieur, sondern der Blick auf die geschlossene Eingangstür. Sie ist die eigentliche Erzählerin der Geschichte: schwarze Rauchspuren auf dem Türblatt und Ueber dem Rahmen, ein notdürftig instand gesetztes Schloss, ein angekohlter Kalender in türkischer Sprache. Alle diese Indizien verweisen unmissverständlich darauf, dass hier vor kurzem ein Akt der Gewalt stattgefunden hat.

Als Eva Leitolf Anfang der 90er Jahre ihre Serie Ueber Anschläge auf Ausländer begann – es war ihre Abschlussarbeit bei Angela Neuke an der renommierten Hochschule in Essen –, waren die Zeitungen voll mit spektakulären Bildern brennender Asylbewerberheime, prügelnder Neonazis und johlender Voyeure. Nach dem rauschhaften Taumel Ueber die deutsche Wiedervereinigung war im Westen wie im Osten Katerstimmung eingezogen, und was sich nun den Weg an die Oberfläche bahnte, war die hässliche Fratze einer verleugneten, lange noch nicht bewältigten Vergangenheit. Doch die marktschreierischen Bilder aus der Regenbogenpresse und dem Fernsehen boten vielen auch die Möglichkeit, sich von diesen Ereignissen zu distanzieren, sie als etwas zu betrachten, was sich jenseits der eigenen Lebenswirklichkeit, des wohl kultivierten demokratischen Selbstverständnisses abspielte. In ihrer 20 Bilder umfassenden Serie, die Eva Leitolf „Eine Spurensuche“ nannte, verortete sie diese Bilder wieder in der Mitte unseres täglichen Lebens. Das Bild des zerstörten Wohnraums eines türkischen Arbeiters entstand am gleichen Ort wie die Aufnahme eines typisch deutschen Einfamilienhauses. Klinkerfassade und Holzbalkone unterstreichen den kleinbürgerlichen Traum, der durch das im Vorgarten spielende Kind fast zum Klischee gesteigert wird. Eva Leitolf hatte es in der Nachbarschaft aufgenommen. Stellt man beide Bilder nebeneinander, entsteht der Eindruck, als hätten die deutschen Nachbarn die dramatischen Ereignisse jener Nacht gar nicht bemerkt, als lägen beide Häuser Hunderte von Kilometern auseinander.

Bereits bei dieser ersten umfangreicheren Arbeit entwickelte und perfektionierte Eva Leitolf ihren fotografischen Stil. Ihre Bilder sind präzise und beschreiben detailliert die Ortserkundungen der Künstlerin.
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